Um Mitleid heischen: Die neue Betrugsmasche auf Social Media
Social-Media-Algorithmen sollen starke Emotionen provozieren, Mitgefühl mit Benachteiligten ist eine davon. Kleinkriminelle schlagen mit KI-Videos in diese Kerbe, um hilfswilligen Menschen teuren Schund anzudrehen.
Sadfishing. 2019 veröffentlichte die Influencerin Kendall Jenner ein rührendes Instagram-Video, in dem sie erzählte, wie sehr ihre Hautprobleme ihre Jugend geprägt hätten. Diese Geschichte war allerdings weniger ein Einblick in ihr Leben als Werbung für eine Hautcreme. Die Journalistin Rebecca Reid nannte diese Technik Sadfishing, Mitleid-Heischen.
Augustinus. Es ist nicht neu, dass intime Bekenntnisse medial in Umlauf gebracht werden. Autobiografien setzen seit mindestens dem 5. Jahrhundert auf diese Karte, als Augustinus von Hippo sich in seinen Bekenntnissen über seine Sünden ausließ, um effektvoller über seine Erlösung berichten zu können. Social Media hat dieser Strategie aber eine neue Dimension verliehen.
Algorithmen. Plattformen wollen starke Emotionen provozieren, ihre Empfehlungsalgorithmen sind darauf ausgerichtet, dadurch das Engagement der User zu maximieren. Negative Emotionen funktionieren dabei besonders gut. Die gesellschaftlichen Konsequenzen sind enorm. Ultranationalisten versuchen ständig, in der Bevölkerung Wut anzufachen, und haben keine Skrupel, dafür die Realität zu verfälschen. Auf der anderen Seite hätte eine Bewegung wie #MeToo wahrscheinlich nicht eine so große öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, wenn Social-Media-Plattformen nicht die empörten Posts hervorgehoben hätten.
Solidaritätszuschlag. Kleine und große Betrüger*innen im Web versuchen natürlich, sich den Erfolg der Empörung zunutze zu machen. Sie generieren mit KI Bilder und Videos von verzweifelten Menschen, oft lassen sie Handwerker*innen darüber lamentieren, dass deren Produkte keinen Absatz finden: „Und du? Findest du mich auch schlecht?“ Bei vielen Internet-Usern erregt das Mitleid und sie kaufen aus Solidarität eine Tasse für 25 Euro, die für ein oder zwei Euro in China produziert wird.
Globale Tendenz. Vor TikTok-Videos dieser Art wird bereits gewarnt. Aber auch auf Instagram bittet eine (mit KI erzeugte) obdachlose junge Frau um Hilfe, genauso wie eine (mit KI erzeugte) an Krebs erkrankte Mutter auf X. Andere Betrugsmaschen basieren ebenfalls auf Emotionen (zum Beispiel Angst oder Liebe), dieses Mitleid-Heischen nutzt aber gezielt Social-Media-Algorithmen und die Möglichkeiten der KI-Bildgenerierung.
Strafrechtliche Untätigkeit. Solche Praktiken sind im strafrechtlichen Sinne Betrug. Wenn sie zu einem Kauf führen, fallen sie unter die Richtlinie von 2005 über irreführende Handlungen (und das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb in der Schweiz). Das Phänomen ist seit mindestens zwei Jahren bekannt, trotzdem musste ich nicht lange suchen, um Dutzende Beispiele auf TikTok zu finden. Neuerdings sind einige davon als KI-Erzeugnisse gekennzeichnet.
Bereicherung. Betrug muss aber auch als solcher wahrgenommen werden. In ihrem Buch Bereicherung erklären die Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre, dass die „narrative Präsentation“ eines Objekts dessen Preis in die Höhe treiben kann. Die beiden Autoren interessieren sich kaum für die faktische Wahrhaftigkeit solcher Narrative, Kaufakte sind für sie nichts anderes als Selbstinszenierung.
Wohltätigkeit. Was hat das mit der TikTok-Betrugsmasche zu tun? Die Menschen, die darauf hereinfallen, sind wohl weniger am Produkt interessiert als daran, sich selbst zu beweisen, wie großzügig sie sind. Anthropologische Arbeiten zeigen, dass Schenkungen manchmal nur dem eigenen Gewissen dienen. Und so würden auch die überteuerten Plastiktassen ihrem Preis gerecht werden – wenn sich diejenigen, die sie kaufen, dadurch besser fühlen.
Danke an Tiziano Bonini und Tia Bhana für ihre Unterstützung bei der Abfassung dieses Artikels.