Wie viel KI kann die Verwaltung stemmen?
Immer mehr Menschen nutzen KI für die Kommunikation mit Behörden, die damit überfordert sind. Diese Krise ist weit mehr als ein Verwaltungsproblem und kratzt am Fundament des modernen Staates.
Überfordert. Die Flut steigt stetig an: Es kommen immer mehr E-Mails rein, die immer länger werden. Sie müssen alle gelesen und beantwortet werden. Seit einigen Monaten beklagen zahlreiche Behörden, dass sie die Masse an KI-generierten Texten nicht mehr bewältigen können. Und es werden exponentiell immer mehr, ob am Sozialgericht Hamburg, beim Versicherungsombudsmann in Frankreich oder bei den Bewerbungen auf Marie-Skłodowska-Curie-Stipendien der Europäischen Kommission. Der Doktorand Chris Schmitz listet insgesamt 84 Beispiele in seinem „Agentic Flooding“-Dashboard auf.

Die Lösung. Viele verwenden fast selbstverständlich Chatbots, um Verwaltungsaufgaben zu erledigen. Jed Meers, der an der Universität von York lehrt, hat exklusiv für die Leserschaft von KI-Märchen die Ergebnisse seiner jüngsten Forschung geteilt. 181 Menschen, die im Vereinigten Königreich Sozialhilfe beziehen, haben bei seinem Projekt ein oder zwei Prompts angegeben, mit denen sie sich bei KI Hilfe bei der Kommunikation mit Behörden holen. Wie zu erwarten war, erfragten sie bei ChatGPT Informationen über Verfahren und Fallstricke, oder sie ließen sich ganze Beschwerden und Anträge schreiben.
Übersetzungen. Die Kommunikation mit der Verwaltung müsste dadurch eigentlich besser funktionieren. Für diejenigen, die mit Verwaltungsjargon nicht vertraut sind, kann ChatGPT Wunder wirken. Ein im Februar veröffentlichtes Experiment zeigt, dass Texte für Behörden, die mit KI verfasst wurden, als verständlicher wahrgenommen werden.
Das Blatt hat sich gewendet. Beamte sehen das allerdings anders. Für eine im Januar veröffentlichten Studie hatte Jed Meers 512 Beschäftigte britischer Behörden gefragt, wie sie mit KI-generierten Texten umgehen. Sie erklärten, dass sie die Bedürfnisse der Verwalteten früher besser einschätzen konnten, als deren Fragen noch direkt formuliert waren. Bei den höflich verklausulierten ChatGPT-Texten müssten sie entschlüsseln, worum es geht.
Nur über den Anwalt. Natürlich setzen Behörden auf KI, um KI-generierte Texte zu bearbeiten. KI ist da fast wie der Anwalt, der zwei Parteien in einem unversöhnlichen Rechtsstreit alles ausrichten muss, weil sie nicht mehr miteinander sprechen. Ohne direkten Dialog von Angesicht zu Angesicht oder am Telefon wird die Kommunikation zwischen Bürger*innen und dem Staat allerdings irgendwann völlig zusammenbrechen.
Machtfrage. Es wäre falsch, darin vor allem ein Problem armer Menschen zu sehen. Mehrere aktuelle wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass die Dynamik zwischen den Anträge stellenden Verwalteten und den die Anträge bearbeitenden Behörden („petition-response“) genauso staatstragend ist wie die bekanntere Dynamik zwischen denjenigen, die Befehle geben, und denjenigen, die sie empfangen („command-obey“). Der Staat legitimiert sich auch darüber, dass die Bevölkerung an seine Fähigkeit glaubt, ihr zu helfen. Wenn die Beschwerden der Bevölkerung nicht beim Staat ankommen, wird das nicht möglich sein.
Verwaltungsreform. Eine fehlende Balance zwischen Anträgen an den Staat und seinen Reaktionen darauf gab es schon einmal. In England verzehnfachte sich Ende des 17. Jahrhunderts innerhalb weniger Jahrzehnte die Anzahl der Anfragen an das Parlament. Um diese (durch die neu entstandene Druckerei bedingte) Flut bewältigen zu können, legte England die Grundlagen der modernen Verwaltung: Es wurden spezialisierte Ämter mit eigenen Formularen für bestimmte Probleme eingerichtet, um Anträge effizient zu bearbeiten.
Eigeninteresse. Vielleicht erleben wir heute eine ähnliche Transformation. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Die sowohl von Verwalteten als auch von Behörden genutzten KIs gehören alle privaten Akteuren, einer Handvoll Männern. Parlamentsabgeordnete können sich offen dafür zeigen, etwas in der Verwaltung zu ändern. Aus der Sicht von OpenAI oder Mistral gibt es keinen Grund, die Art und Weise zu ändern, wie deren Software-Anwendungen Anträge analysieren. (Sie wissen wahrscheinlich selbst nicht, was da genau abläuft.)
Politischer Bankrott. Die KI-gesteuerte Verwaltungskommunikation bedeutet letztendlich, dass der Staat eine seiner grundlegenden Aufgaben auslagert, nämlich mit der Bevölkerung zu kommunizieren. Das geschieht ohne Debatte darüber, und wahrscheinlich ohne echtes Verständnis für das Problem. Das zeigt einmal mehr, in welchem Ausmaß KI eine Zäsur darstellt, wie ich sie schon in der 1. Ausgabe von KI-Märchen beschrieben habe: eine nicht nur technische, sondern ideologische und politische Zäsur.